Finanzkrisen-Guantanamo auf der Bühne
Mit der erreger inszeniert der Regisseur Steffen Schmidt mit dem Schauspieler Nisse Kreysing einen Theatermonolog von Albert Ostermaier und bringt ein Stück auf die Bühne, dass sich um den Fall eines Börsenmaklers dreht. Das Sezieren einer Bankerseele. Nach Der Auftrag, (Publikumspreises des Open-Stage -Wettbewerbs freier Produktionen im Schauspielfrankfurt 2006) und Indien (2006) ist Erreger die dritte Theaterarbeit von Steffen Schmidt und Nisse Kreysing.
Express: Worum geht es in dem Stück von Ostermaier?
Kreysing: “Erreger” spielt mit dem alltäglichen Wahnsinn der Finanzgeschäfte, der Geldmacher und deren Abgründe. Ein Börsenmakler, der sich in einem hermetisch abgeriegelten Zimmer wiederfindet. Ein Trader in Quarantäne.
Schmidt: Es geht um ein persönliches Schicksal, nicht so sehr um das “System” oder irgendwelchen theoretischen Quatsch. Absoluter Ausnahmezustand. Ein Trader am Abgrund unternimmt den Versuch, Erklärungen für sein Desaster zu suchen, seinen Körpern zu spüren, sich wieder zu finden. Eigentlich ist dieser Typ isoliert von sich selbst.
Express: Isolation und Quarantäne mit der Folge von Realitätsverlust, wie er gegenwärtig einigen Kapitänen der Finanzwelt unterstellt wird?
Schmidt: Genau, der Trader in Ostermaiers Stück verkörpert eine Isolation und Quarantäne, in der sich die Abspaltung der Turbogeldmaschinerien von den realen Lebensbedingungen der Menschen gut ablesen lässt. Alles ist in Zahlen übersetzbar, in ihrer hochmütigen Arroganz versteht sich die Börsenwelt als DNS der Gesellschaft, die man zu entschlüsseln wissen muss und die letztendlich das Leben pervertiert.
Express: Kein Mitleid, keine Erlösung?
Kreysing: Nein, eher die Welt der Börsen als Vernichtungskampf der größtmöglichen Menschenferne und Orientierungslosigkeit. “Wenn man die Währung eines Landes abschlachtet sieht man die Jungs mit geweiteten blutunterlaufenen Augen vor den Börsennachrichten, wie sie sich mit Macheten die Hälse durchschneiden.”
Schmidt: Seine Worte sind eine Art Kriegsberichterstattung, eine langsame Demontage des Ichs, um es wieder neu zusammensetzen. Es geht aber auch um Erdung. Du ziehst die Schuhe aus und läufst aus der Stadt, die Straße, der Asphalt, dann vielleicht Kieselsteine und endlich Waldboden. Die Füße bluten, kalte Erde. So in etwa. Keine wirkliche Erlösung, die halte ich für unrealistisch.
Express: Was sind die Fragen, die das Stück aufwirft?
Schmidt: Wie kommt der Typ in diese unangenehme Situation? Wie fühlt sich das an: mit blutigen Füße auf dem Waldboden laufen?
Express: Was werden die Zuschauer erleben?
Schmidt: Zunächst einmal werden Sie Zeugen einer dramatischen und mitreißenden Geschichte. Das war mir ganz wichtig – Zeit für Geschichte, Zeit für Emotionen, Zeit für Etablierung einer authentischen Situation. Es geht mehr um Erleben, als um Verstehen – die sinnliche Erfahrung und Wahrnehmung eines Körpers, der sich seine Seele zurück holt.
Kreysing: Unser Regieassistent findet das Stück übrigens abstoßend …
Schmidt: Aber auch interessant!
Express: Was war Euch besonders wichtig?
Schmidt: Der Text an sich. Die Rhythmik, die Poesie und Kraft der Sprache, des Sprachflusses, der Bilder. Die Körperlichkeit und Sinnlichkeit des Textes.
Kreysing: Da er ohne Punkt und Komma geschrieben ist, muss man ihn erst entschlüsseln.
Schmidt: Auch die Musik ist wichtig, die ich mit Clemenz Korn (smood&cornsen) entwickelt habe. Diese funktioniert wie ein Bühnenbild. Es geht um die Definition und Emotionalisierung des Raumes, in dem wir uns für die Dauer des Stückes befinden, die Musik unterstützt die Sinnlichkeit – und nicht zuletzt geht es darum, die Rhythmik und Dynamik der Sprache zu unterstützen.
Express: Wie ist die Arbeit der Inszenierung gelaufen?
Kreysing: Es ist für mich das intensivste Stück, das ich bisher geprobt habe. Es ging uns oft darum Grenzen auszuloten, psychisch wie körperlich. Da wir uns gut kennen, kokettiert man schnell damit, diese Grenzen auch zu überschreiten.
Schmidt: Ich kann Nisse nur zustimmen – das ist schon sehr besonders, sehr intim, sehr ehrlich. Da steckt schon viel persönlicher Wahnsinn drin. Manchmal schnürt es einem die Kehle zu, manchmal fließen Tränen oder es gibt blaue Flecken. Aber das meine ich mit Körperlichkeit.
Interview: Thomas Gebauer | Marburger Express 30. 10. 2008