Auf der Couch mit… Steffen Schmidt
März-10-2008Autor und Regisseur Steffen Schmidt im Gespräch mit Dorothee Müller
Steffen Schmidt denkt viel und er kultiviert die Pose: Beine übereinander geschlagen, Finger an die Stirn gelegt, der Blick entrückt. Der 27-Jährige ist vieles: Student, Autor, Regisseur – und vor allem eben auch: Denker.
Hinzu kommt seine Liebe zur deutschen Sprache, ein Idiom, das er pflegt, mit dem er arbeitet und vor allem experimentiert. Und wer sich mit Denken und Sprache beschäftigt, der landet schnell bei der Frage: „Was ist Wirklichkeit?” – denn nur, was sprachlich erfasst werden kann, ist auch wirklich da, oder? Schmidt lächelt. Er ist im Bergwinkel aufgewachsen, hat am Huttengymnasium Abitur gemacht und will sein Studium der Germanistik und Politologie an der TU Darmstadt dieses Jahr mit einer Magisterarbeit über europäische Kulturpolitik abschließen.
Aber das ist nicht die einzige Welt, in der er sich bewegt. Der Lyriker gehört der Generation „www” an. Während er heranreifte, wuchsen auch die Möglichkeiten des Internets. Entgrenzung ist daher ein Thema, das in Steffen Schmidts Texten immer wieder vorkommt. Wo beginnt und endet die menschliche Daseinsform? Welche Aspekte der Wirklichkeit werden beim Kommunizieren im Internet ausgeblendet – welche kommen neu dazu?
„Dein Geruch ist in den Benutzerangaben nicht zufinden/dein Foto auf meinem Bildschirm/ein Ausschnitt der nicht Du ist/und doch ist mein Prickeln auf der Haut so was wie echt”, heißt es in seinem Text „contact”.
Schmidt ist jemand, der dieses Spannungsfeld zwischen Rea- und Virtualität, zwischen Lust an schier unbegrenzten Möglichkeiten und Angst vor Haltlosigkeit, zwischen Materialität und Immaterialität intensiv erlebt und es auch anderen zugänglich machen möchte. Dazu wählt er das Medium Theater. Also eine Form der Darstellung, der sich durch Unmittelbarkeit, Sinnlichkeit und körperlicher Präsenz auszeichnet. Das klingt paradox, doch genau genommen ist das logisch, denn dort kann er die Welten zusammenführen.
„Im Theater ist alles das wahrnehmbar, was das Filmbild möglicherweise ausblendet: Die Menschen und ihre Körperlichkeit im Raum, wie sie schwitzen oder Luft holen“, sagt Schmidt.
In seinem Stück „styx” bedient er sich Stilmittel aus beiden Universen: Klassik trifft Multimedia. Die Hauptfiguren, nightstar und i.love, begegnen sich im Internet. Sie kommunizieren kurz, verabreden sich für einen späteren Zeitpunkt, aber dann verliert sich i.loves Spur. nightstar, auf der Bühne verkörpert von Michel Klemm, stürzt in einen Strudel aus Wahnvorstellungen. Schmidt versinnbildlicht das mit einem „Irrsinns-Ballett”, das auf die Leinwand geworfen wird, während Sprachfetzen durch den Raum klingen.
Eine Videosequenz zeigt i.love (Dominique Ronshausen) und nightstar in unablässiger Bewegung: Annähern, entfernen, schwimmen – im Datenstrom, im Fluss der Gefühle? Das entscheidet der Zuschauer. „styx” ist so etwas wie das Herzstück von Schmidts bisherigen Arbeiten. Entsprechend stolz ist der Autor, dass es jetzt im Synergia-Verlag als Buch samt CD erschienen ist. Und vielleicht hat er damit erreicht, was die Welten verbindet: ein bisschen Unsterblichkeit.