Geisterstädte
August-27-2007Steffen Schmidt ist vielseitig begabt, mit einer ganz außergewöhnlichen Liebe zur Sprache. Der junge Künstler dreht Filme, inszeniert Theaterstücke, schreibt Texte und ganz nebenbei studiert er auch noch.
Ein Tag scheint bei Steffen Schmidt aus 48 Stunden zu bestehen: Der 26-jährige gebürtige Hesse hat vor vier Jahren seinen Einstieg in die Theaterwelt gefunden. Seitdem läuft das Studium auf Schmalspur, denn sowohl Regie-Arbeit als auch Video-Dreh oder Musikproduktionen bestimmen seinen Alltag. Standen zu Beginn seiner Künstler-Karriere zwar vorrangig Video-Arbeiten im Mittelpunkt, maß er mit der Zeit dem Theater immer mehr Bedeutung bei. Nicht zuletzt auf Grund des größeren Reizes, „des unmittelbaren Kontakts der Körper“. Dennoch trifft Schmidt keine klare Entscheidung für eine der Darstellungsformen, sondern definiert sein Schaffen über die Vermengung der einzelnen Medien.
Die Vielfalt seiner Wirkungsbereiche schlägt sich auch in seinen Stücken nieder; zum Beispiel hat er Büchners Klassiker „Lenz“ unter großem multi-medialem Einsatz inszeniert. Begleitet wurde das Stück von einer Hörspielcollage.
Sein Schwerpunkt liegt stets auf der Sprache, denn diese ist seine Leidenschaft, und so werden unter seiner Regie Klassiker, Neuerscheinungen oder auch eigene Projekte zeitgemäß und kreativ umgesetzt. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten. Für die Regie-Arbeit von „Der Auftrag“, einem Kurzdrama von Lothar Kittstein, erhält Schmidt 2006 einen Publikumspreis im schauspielfrankfurt. Der Film zu seinem Stück erscheint noch in diesem Jahr.
Doch das ist nur ein Projekt von vielen: Ein Dokumentarfilm ist in Arbeit und wird die Lebensumstände von Obdachlosen in Frankfurt zum Thema haben. Für „Im Frühling“ begleitete der Regisseur über einen längeren Zeitraum die Szene, um so einen möglichst realistischen Einblick vermitteln zu können. Dass dabei jede Menge der eigenen Freizeit draufgeht, nimmt Schmidt gerne in Kauf. In seinem kreativen Schaffen sieht er weitaus mehr als bloße Arbeit, sondern vielmehr einen Lebensinhalt, der über seine Studenten-Identität.
Und deswegen tobt er sich auch auf der Bühne weiter aus: Geplant ist die Inszenierung der „Ausweitung der Kampfzone“ von Skandalschriftsteller Michel Houellebecq, sowie im Zuge des Mittelhessischen Kultursommers das Stück „In die Wüstung“. Die Gruppe FIASGO beteiligt sich an diesem Projekt. Ihre Mitglieder verfügen über verschiedenartige Begabungen, wie zum Beispiel Masken- oder Skulpturbau, darstellendes Spiel sowie musikalisches Talent. Das interaktive und integrative Spektakel von außergewöhnlichem Charakter wird am 28. Juli in Ruthardshausen bei Gießen auf einem Wüstungsgelände uraufgeführt.
Steffen Schmidt wäre aber nicht Steffen Schmidt, wenn das schon alles wäre, womit er sein Publikum in naher Zukunft erreichen möchte. In einem von ihm zusammengestellten Buch mit dem Titel „weg mit mir“ veröffentlicht er (Theater-) Texte, die in den letzten Jahren neben der Theaterarbeit entstanden sind. Unter anderem „styx“, ein Text für die Bühne zum Thema „Liebe im Internet“, der am 19. April in Marburg in einer szenischen Installation mit 3D- Animationen von Thorsten Greiner präsentiert wurde. „styx“ erscheint ebenfalls als Hörspiel auf CD und in kleiner Auflage auf Vinyl.
Des Weiteren ist Schmidt auf der Suche nach Menschen, die ihm zum Thema „Virtualität, Körper & Liebe“ kreatives Material zu Verfügung stellen, um daraus eine Art Ringvorlesung zu gestalten. Die soll sich über längere Distanz gesehen zu einem Netzwerk ausdehnen. Somit kann man sich bereits jetzt schon sicher sein, in den nächsten Jahren noch einiges von Steffen Schmidt zu hören!
von Sandy Schmidt | STUZ 08/07